Vorwort 2000
Der Krieg ist wieder an die Türschwelle Europas gerückt. Dies ist eine der Erfahrungen, die dazu nötigen, über das europäische Selbstverständnis nachzudenken. Der beschleunigte Prozeß der EUErweiterung, die fortschreitende Integration im Inneren und die veränderte internationale Machtkonstellation sind weitere Gründe. Im letzten Jahr schrieben wir im Vorwort, daß uns die Entwicklung auf dem Balkan gezwungen hatte, „einmal mehr und contre coeur Europa in den Mittelpunkt zu rücken.“ Damals mußten wir uns auf den Krieg im Kosovo konzentrieren. In diesem Jahr erweitern wir das Feld der Analyse.
Das Friedensgutachten 2000 hat den thematischen Schwerpunkt „Friedensmacht Europa?“ Zunächst werden die Herausforderungen untersucht, denen gegenüber sich die europäische Politik sieht. Der Kosovo-Krieg wirft Fragen nach der zukünftigen Rolle Europas auf. Vor allem droht die Gefahr, dass militärische Interventionen zum unbefragten Bestand der Instrumente gezählt werden, die bereitgehalten werden, um Konflikte zu bearbeiten. Wir analysieren die ethischen Kriterien, die bei der Entscheidung über militärische Interventionen beachtet werden müssen, und untersuchen die Optionen nichtmilitärischer Konfliktbearbeitung.
Die Beziehungen zu Rußland, im Kosovo-Krieg belastet, werden nun vom anhaltenden Tschetschenien-Krieg strapaziert. Das Verhältnis zu den USA leidet unter dem wachsenden Unilateralismus der westlichen Führungsmacht. Durch die geplante Aufnahme neuer Staaten wird sich die EU bis nahe an die Konfliktregionen im Kaukasus und im Nahen Osten erstrecken. Die Globalisierungsprozesse nötigen die Union, ihre traditionellen Instrumente und Konzepte zu überdenken, um sich als Akteur im weltweiten Mächtekonzert behaupten zu können. Im Friedensgutachten ist dabei naturgemäß von besonderem Interesse, mit welchen institutionellen Strukturen und politischen Akzenten sich Europa als friedenspolitischer Innovator profilieren kann. Unter dieser Perspektive stellen wir Konzepte einer europäischen Verteidigungsidentität den Chancen einer Stärkung der OSZE gegenüber. Zivile Krisenprävention und insbesondere die Stabilisierung konfliktträchtiger Regionen durch Entwicklungszusammenarbeit wird an Bedeutung gewinnen. Wir thematisieren dieses Handlungsfeld in vier Einzelanalysen. Untersuchungen zu europäischen Handlungsoptionen mit Blick auf Rüstungskontrolle und Waffenexporte, sowie zu einer zeitgemäßen Struktur der Bundeswehr und zur Rolle der UNO bei der Bewältigung akuter Konflikte schließen das Schwerpunktthema ab.
Wegen seiner Bedeutung nimmt das Schwerpunktthema im diesjährigen Friedensgutachten großen Raum ein. Daneben finden sich aber auch die aus den Friedensgutachten der vergangenen Jahre bekannten Rubriken „Globale Herausforderungen“ und „Krise der Abrüstung“ mit jeweils fünf Beiträgen. Abschließend behandeln wir fünf ausgewählte Krisenherde: Nordirland, Naher Osten, China/Taiwan, Indonesien und Sri Lanka. Alle weltweit schwelenden Krisen und offenen Konflikte zu behandeln, würde den Rahmen des Friedensgutachtens sprengen. Deshalb haben wir uns entschlossen, den ausgewählten Konfliktherden eine Übersicht des globalen Konfliktgeschehens in Form des „Konfliktpanoramas“ voranzustellen. Für die Bereitstellung der Daten und der graphischen Gestaltung danken wir dem Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung.
Wie in den vergangenen Jahren wird das Friedensgutachten von drei Instituten gemeinsam herausgegeben: Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST), Heidelberg, Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH), Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), Frankfurt. Schon immer schrieben im Friedensgutachten auch Autoren, die nicht in diesen Instituten arbeiten. Im diesjährigen Friedensgutachten haben wir die Kooperation erweitert. An seiner Erstellung waren das Institut für Entwicklung und Frieden (INEF), Duisburg, und das Bonn International Center for Conversion (BICC), Bonn, beteiligt. Auch an den zusammenfassenden Aussagen „Friedensmacht Europa – Stellungnahme und Empfehlungen“ haben diese beiden Institute mitgewirkt.
Wie schon in den früheren Ausgaben soll das Glossar dem Leser das Auffinden von Fachausdrücken und Abkürzungen erleichtern. Die Zeittafel erlaubt einen schnellen Überblick über die Chronologie von Ereignissen. Die Einzelanalysen wurden Mitte April abgeschlossen, die Stellungnahme der Herausgeber Mitte Mai. Die Zeittafel erstreckt sich über den Zeitraum vom 1.3.1999 bis zum 29.2.2000. Die Gesamtredaktion lag in diesem Jahr turnusgemäß bei der FEST in Heidelberg. Ein ganz besonderer Dank gilt Frau Antje Leist. Ihr herausragendes Engagement, ihre einzigartige Zuverlässigkeit und Übersicht sowie die Präzision im organisatorischen Ablauf und der Schlußredaktion haben maßgeblich zum Gelingen des Buches beigetragen. Unser Dank gilt auch Herrn Carsten Schütte, der im Lit-Verlag mit Geduld und Umsicht immer neue Änderungen am Manuskript in den Satz gegeben hat.
Heidelberg, Hamburg, Frankfurt, den 6. Juni 2000
Die Herausgeber



